Ipoh – faszinierende Vielfalt

Auf geht es zu unserem vorletzten Stopp dieser Reise: Ipoh. Mit Grab, Fähre und Bus sind wir rund vier Stunden unterwegs – und das Ganze kostet insgesamt gerade einmal 15 Euro. Reisen ist hier erstaunlich einfach und günstig.

Unsere Wohnung liegt erneut im 13. Stock, und das Gebäude verfügt über einen großen Pool – sehr zur Freude von Kilean. Solche Kleinigkeiten machen den Alltag unterwegs gleich ein Stück angenehmer.

Ipoh ist vor allem bei chinesischen Touristen sehr beliebt. Die Stadt bietet genau die Infrastruktur, die sie benötigen: zahlreiche chinesische Restaurants, Läden – und selbst Kileans Friseur war Chinese. Er sprach kein Malaysisch, sondern ausschließlich Chinesisch. Auch das gehört hier ganz selbstverständlich zum Alltag. Kilean wollte zwar wissen wo sich muslimische Frauen die Haare schneiden lassen, die Antwort blieb ich im schuldig.

Nach Thailand fällt das Ankommen in Malaysia zunächst schwer. Es ist schön hier – aber anders. Eine Freundin hat uns geraten, Thailand gedanklich loszulassen. Nur so vermeidet man den ständigen Vergleich und kann sich wirklich auf das neue Land einlassen. Das ist ein guter Rat. Und dennoch gibt es einen Unterschied, der besonders Krass auf mich als Deutschen wirkt.

Thailand ist ein Schmelztiegel der Kulturen und der Kulinarik. Die Einflüsse der Nachbarländer sind dort zu einem Gesamtkunstwerk verschmolzen. Küche, Alltag, Mentalität – vieles geht fließend ineinander über und wirkt wie aus einem Guss.

Malaysia hingegen lebt ein anderes Modell. Hier herrscht ein bewusstes Nebeneinander, ein gelebtes Multikulti. Die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen koexistieren friedlich und respektvoll. Gemischte Freundschaften zwischen Religionen und Ethnien sind im Alltag völlig normal. Man begegnet sich offen, höflich und konfliktfrei.

Innerhalb der Familien jedoch ist eine stärkere Durchmischung von Ethnien und Religionen eher selten. Das hat historische Gründe. Nach den schweren Rassenunruhen von 1969, bei denen viele Menschen ums Leben kamen, wurde es zur Staatsräson, religiöse und ethnische Konflikte strikt zu vermeiden. Diese Vorsicht ist bis heute Teil der gesellschaftlichen Praxis.

Malaysia funktioniert deshalb nicht über Verschmelzung, sondern über Koexistenz. Neben Integration gibt es also noch einen zweiten Weg in einer Multipolaren Gesellschaft respektvoll und friedlich zusammenzuleben. Und genau dieses „Anders“ muss man erst verstehen und verdauen, um das Land wirklich genießen zu können. So fügt sich Ipoh nahtlos in das große kulturelle Mosaik Malaysias ein.

Ipoh ist eine stolze Stadt. Der große „Ipoh“-Schriftzug ist allgegenwärtig. Gleichzeitig wird die Kolonialgeschichte sichtbar, vor allem an den Regierungsgebäuden und am Bahnhof, die im englischen Kolonialstil erbaut wurden. Diese Architektur hebt sich deutlich von der Umgebung ab und erinnert an die britische Vergangenheit.

Ipoh ist außerdem für seine Street Art bekannt – und die ist tatsächlich überraschend gut. Vielfältig, bunt und abwechslungsreich. Die Kunst beschränkt sich nicht nur auf Häuserwände, sondern setzt sich auch in Cafés und Restaurants fort. Man entdeckt Gemälde, kleine Installationen und sogar mit Stoffen oder Objekten gestaltete Szenen.

Besonders auffällig sind die geschmückten Regenschirme, die über manchen Straßen hängen und dem Ganzen eine verspielte Leichtigkeit verleihen. Die Street Art wirkt nicht zufällig, sondern gut kuratiert und durchdacht.

Vieles davon wird vom Tourismusverband initiiert oder finanziert – und die umliegenden Geschäfte profitieren sichtbar davon. Cafés, kleine Läden und Restaurants werden Teil des Gesamtkonzepts und gewinnen durch die Kunst deutlich an Atmosphäre.

So wird ein Spaziergang durch Ipoh fast automatisch zu einer kleinen Entdeckungstour – ohne dass man gezielt danach suchen müsste.

Ein Punkt, der uns in Malaysia deutlich aufgefallen ist, betrifft die Kanalisation. Während in Thailand zwar hier und da Müll auf den Straßen liegt, ist es hier weniger der sichtbare Abfall, der stört, sondern vielmehr die offenen Abwasserkanäle. An vielen Ecken riecht es unangenehm, teilweise sehr stark, und das beeinträchtigt das Stadtgefühl spürbar.

Es ist also nicht primär ein Müllproblem, sondern eher ein Infrastrukturproblem. Die Gerüche steigen aus offenen oder schlecht abgedeckten Kanälen auf und sind besonders bei Hitze schwer zu ignorieren. Das ist schade, denn es trübt an manchen Orten den ansonsten positiven Eindruck der Städte.

Gerade im direkten Vergleich mit Thailand fällt dieser Unterschied auf – und zeigt, dass Lebensqualität nicht nur von Sauberkeit, sondern auch von funktionierender Infrastruktur abhängt.

In Malaysia ist das Nahrungsangebot schier unendlich. Chinesische, arabische, taiwanesische, koreanische, japanische, malaysische und indische Küchen – oft alles nebeneinander, manchmal sogar unter einem Dach. Jede dieser Küchen bringt unzählige Gerichte mit sich, sodass man häufig eher vor der Frage steht, was man überhaupt essen soll, als ob man etwas findet.

Die klassische malaysische Küche ist für unseren Geschmack jedoch recht fettig und sehr soßenlastig. Das ist sicher authentisch und beliebt, trifft aber nicht ganz unseren persönlichen Geschmack. Deshalb sind wir immer wieder auf der Suche nach Alternativen.

Einmal haben wir Rojak probiert – ein typischer Snack aus Apfel, Annanas, Gruke, usw., die mit einer sehr intensiven Tamarindensoße übergossen werden. Die Früchte werden regelrecht in der Soße ertränkt, sodass vom Eigengeschmack kaum etwas übrig bleibt. Auch viele malaysische Nudelgerichte werden gern so stark in Soße getaucht, dass man die einzelnen Aromen kaum noch herausschmeckt.

In Ipoh fiel uns die Auswahl deshalb leicht, denn die Stadt ist stark chinesisch geprägt. Wir waren häufig chinesisch essen: Dim Sum, Buns, Hotpots – klarer im Geschmack, weniger schwer. Und für den einen oder anderen Moment kulinarischer Verlässlichkeit landeten wir auch einmal beim Amerikaner unseres Vertrauens.

So wird Essen hier weniger zur festen Gewohnheit, sondern vielmehr zu einer täglichen Entscheidung und einem kleinen Experiment. Es gab in Malaysia tatsächlich einige Abende, an denen die Kinder hungrig ins Bett gingen, weil unser kulinarisches Experiment leider nicht aufgegangen war.

Nachdem wir unsere Risikobereitschaft und Experimentierfreude etwas nachjustiert hatten – weniger mutig, dafür verlässlicher – entspannte sich die Situation schnell. Seitdem funktioniert auch das Abendessen wieder problemlos.

Ipoh ist von einer wunderschönen Landschaft umgeben. An einem Tag sind wir in einen kleinen Park gefahren, in dem ein Boot gemächlich über einen See gleitet und die Besucher zu einer Lichtung mitten in einem Waldstück bringt. Schon die Überfahrt ist ruhig und entschleunigend.

Angekommen öffnet sich eine idyllische Szenerie. Der Ort wirkt abgeschieden, grün und friedlich. In diesem Gebiet leben rund 300 Affen, die man aus nächster Nähe beim Spielen, Klettern und bei der Nahrungssuche beobachten kann. Eine Weile haben wir einfach nur dagestanden und zugesehen.

Die Einheimischen warfen den Affen Brot zu – was allerdings schnell in einem kleinen Chaos endete. Innerhalb von Sekunden entstand ein regelrechter Kampf um die Nahrung, laut, wild und ziemlich eindrucksvoll.

Das größte Highlight in Ipoh sind für uns jedoch mehrere große Felsentempel, die direkt in den Kreidesandstein geschlagen wurden oder sich tief in natürlichen Höhlen befinden. Schon von außen wirken sie beeindruckend, doch ihr eigentlicher Zauber entfaltet sich erst im Inneren.

Die Tempel sind farbenfroh, reich geschmückt und liebevoll verziert. Die Höhlen selbst sind teils gewaltig: hohe Decken, massive Felsformationen und imposante Tropfsteine erzeugen eine fast ehrfürchtige Stimmung. Man spürt sofort, dass diese Orte seit Jahrhunderten spirituell genutzt werden.

Bei einem der Tempel führt der Weg durch eine Höhle und einen künstlich angelegten Schacht. Nach und nach wird es heller – und plötzlich tritt man hinaus auf eine Lichtung. Eine kleine, etwa fußballplatzgroße Ebene, vollständig umschlossen von steilen Felswänden. Inmitten dieser natürlichen Kulisse steht ein Tempel, ruhig, farbig, fast entrückt.

Dieser Ort wirkte besonders mystisch. Abgeschieden, geschützt und in ein herrliches Licht getaucht. Ein Moment, der überrascht, innehalten lässt und eindrucksvoll nachwirkt.

Ipoh zeigt hier seine vielleicht stärkste Seite: eine seltene Verbindung aus Natur, Spiritualität und Architektur, die man so schnell nicht vergisst.

3 Kommentare zu “Ipoh – faszinierende Vielfalt

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