Zuhause in Chiang Mai

Alltag in Chiang Mai – Routinen in der neuen Umgebung

Die zweite Woche in Chiang Mai ist vorbei – und langsam schleicht sich ein Gefühl von Alltag ein. Dieser besondere Alltag, der entsteht, wenn man in einem fremden Land lange genug bleibt, um neue Routinen zu entwickeln, aber noch kurz genug da ist, um jeden Tag bewusst wahrzunehmen.

Chiang Mai hat rund 1,3 Millionen Einwohner – fast so viele wie Hamburg. Und genauso vielfältig ist es auch. Restaurants, Tempel, Märkte, Natur, Cafés, Parks, kleine Abenteuer – eigentlich könnte man jeden Tag etwas Neues entdecken. Und trotzdem findet man Ruhe und Gemütlichkeit, wenn man sie braucht.

Wir merken, wie wir uns immer leichter zurechtfinden. Ein Grab zu rufen ist inzwischen so selbstverständlich wie zu Hause ein Auto zu starten. Den Fahrer zu finden – kein Problem mehr. Ein gutes Restaurant auszuwählen? Früher eine Herausforderung, heute fast schon Routine. Die Speisekarten mit ihren vielen Gerichten wirken nicht mehr exotisch, sondern laden zu abwechslungsreichen Entdeckungen ein.

Auch bei wechselhaftem Wetter kommen wir gut zurecht. Ich habe neue Schuhe gekauft – und nach einem Monat konnte ich endlich meine kaputte Handykamera reparieren lassen. Zum Glück gibt es in Chiang Mai einen Samsung Customer Service, der das schnell und unkompliziert erledigt hat. Kleine Alltagsaufgaben, die man sonst von zu Hause kennt, funktionieren hier erstaunlich gut.

Nachdem Arbeit und Schule erledigt sind, unternehmen wir jeden Tag noch etwas und das fühlt sich richtig schön an. Im Sommer könnte man das in Deutschland genauso tun – doch im Winter kuschelt man sich dort lieber ein. Hier ist der Winter warm, lebendig und freundlich. Die Abende sind wunderbar lau, man kann lange draußen sitzen, essen, zuhören, schauen. Und auch tagsüber lässt es sich trotz Sonne ganz gut aushalten.

Neue Unterkunft, neue Überraschung. Diesmal war’s wirklich besonders: Unser Hotel liegt direkt hinter der Startbahn des Flughafens – alle 15 Minuten fliegt ein Jet so niedrig vorbei, dass man ihn fast berühren könnte.

Erstaunlich, wie schnell man sich an Lärm gewöhnt. Mira und die Kinder – sonst sehr geräuschempfindlich– merken es nach kurzer Zeit kaum noch. Und schlafen können wir hier überraschend gut.

Kulinarische Expeditionen und ein Abenteuer über den Baumwipfeln

Eine der wichtigsten Aufgaben, wenn man an einem neuen Ort ankommt, ist ganz klar: die besten Restaurants finden. Das gehört inzwischen schon zu unserem familiären Ritual. Und so haben wir uns in Chiang Mai einmal quer durch die internationale Küche probiert – Koreaner, Japaner, Burmesen, Nepalesen, Italiener und natürlich zahlreiche Thai-Restaurants. Die meisten waren solide, einige überraschend und ein paar echte Geheimtipps sind inzwischen zu unseren neuen Lieblingsadressen geworden.

Während der Handyreparatur haben wir Joe kennengelernt, einen Auswanderer aus Schweden. Er kam vor 25 Jahren nach Thailand, hat hier seine Familie gegründet und wirkt so zufrieden, als wäre er schon immer in Chiang Mai zu Hause gewesen. Er hat uns erzählt, dass er Motorparagliding-Flüge anbietet – und natürlich war ich sofort neugierig. Das war genau die Art Abenteuer, die man nicht planen kann, die einem aber einfach zufliegen.

Also haben wir es ausprobiert. Kilean und ich durften bei einem halbstündigen Flug über den Dschungel von Chiang Mai mit dabei sein. Es war ein ganz besonderes Erlebnis. Die Luft oben war überraschend aromatisch – sie duftete nach Wald, frisch und sauber. Je tiefer wir kamen, desto dichter, heißer und erdiger wurde der Geruch. Eine Mischung aus tropischer Feuchtigkeit und dem satten Grün der Wälder. Einfach faszinierend.

Das Motorparagliding selbst war noch schöner, als ich es mir vorgestellt hatte. Man gleitet fast lautlos über die Baumwipfel, sieht die Hügel Chiang Mais aus einer Perspektive, die man sonst nie erleben würde, und fühlt sich für einen Moment ein bisschen frei wie ein Vogel.

Selbst der Weg dorthin war ein kleines Abenteuer. Kurz vor dem Ziel sind wir auf einer Matschstraße stecken geblieben und mussten den Rest zu Fuß weiterlaufen. Eine Erinnerung, die man später lachend weitererzählt – und die irgendwie perfekt zu diesem Tag passt.

Ein rundum gelungener Ausflug: kulinarische Entdeckungen unten in der Stadt und große Freiheit oben in der Luft.

Ein Tag zwischen Gärten, Tempeln und einem kleinen Roller-Abenteuer

Das Schöne daran, länger an einem Ort zu bleiben, ist die Entdeckung der weniger touristischen Seiten einer Stadt. Man bleibt nicht an den bekannten Highlights hängen, sondern stößt nach und nach auf Orte, an denen fast nur Einheimische unterwegs sind. Genau so ging es uns diesmal am Rande von Chiang Mai, wo 2006 die internationale Garten- und Landschaftsbaumesse stattfand.

Das Expo-Gelände wirkt heute fast wie ein Geheimtipp. Es gibt wunderschöne, weitläufige Parkanlagen, liebevoll gestaltete Gärten und ruhige Wege, die zum Schlendern einladen. Der ganze Park wird von leiser, entspannter Instrumentalmusik untermalt – kaum hörbar, aber gerade genug, um eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Es macht richtig Spaß, durch diese Anlagen zu laufen, kleine Ecken und Pavillons zu entdecken und sich für einen Moment treiben zu lassen. Ein Ort, der Ruhe schenkt.

Nach dem Park wollten wir noch einen Tempel auf dem Berg besichtigen. Zu Fuß war es allerdings deutlich zu weit, und Grab-Auto-Fahrer gab es in diesem Moment weit und breit keine. Es blieb also nur eine Option: Jeweils zwei Grab-Roller mieten.

Mira hatte sich fest vorgenommen, Rollerfahren so lange wie möglich zu vermeiden – aber heute war der Tag plötzlich gekommen. Überraschenderweise waren die Kinder sofort begeistert. Leonie ist ohne Zögern auf den Roller gestiegen, als hätte sie das schon hundert Mal gemacht. Und so sind wir losgebrettert – vorsichtig, aber mit viel Spaß.

Dort warteten 490 Stufen auf uns. Nach dem Aufstieg wurden wir mit einem fantastischen Rundblick über Chiang Mai belohnt. Riesige Buddha-Statuen, friedliche Stimmung und eine angenehme Brise – es war die Mühe wert.

Beim Zurückkommen stellte sich allerdings die Frage: Wie kommen wir wieder nach Hause? Offensichtlich hatten andere Besucher 20 Minuten lang versucht, ein Taxi zu bekommen – ohne Erfolg. Ich habe einfach den erstbesten Fahrer vor Ort angesprochen und gefragt, ob er uns nach Nimman mitnehmen könne. Er nickte sofort. Zwischendurch stiegen noch weitere Fahrgäste zu, die uns lachend erzählten, wie hoffnungslos sie versucht hatten, selbst eine Rückfahrgelegenheit zu finden.

Tja – manchmal muss man in Thailand einfach die Gelegenheit am Schopf packen. Genau diese kleinen, spontanen Momente machen die Reise besonders.

Wie unsere Kinder in Chiang Mai über sich hinauswachsen

Besonders stolz sind wir darauf, wie gut unsere Kinder mit dieser neuen Lebenssituation umgehen. Fremdes Land, fremde Sprache, andere Abläufe – und doch wachsen sie jeden Tag ein Stück über sich hinaus. Kilean hat in dieser Woche sogar ein Referat über buddhistische Mönche vorbereitet und es bei YouTube für seine Klasse hochgeladen.

Immer öfter übernehmen die beiden kleine Aufgaben: Sie bestellen unser Essen im Restaurant, zahlen an der Kasse und sprechen mit den Verkäufern. Und mit einem neuen Spiel fördern wir ihre Aufmerksamkeit und Selbstwirksamkeit: „Finde drei Dinge im Zimmer, die unordentlich sind.“ Die beiden lieben es – und es ist erstaunlich, wie bewusst sie plötzlich den Raum wahrnehmen.

Natürlich läuft nicht immer alles glatt. Gestern ist Kilean mutig eine Rolltreppe hochgefahren – aber oben gab es keine Rolltreppe zurück nach unten. Also suchte er den Weg durch einen Laden, über eine Brücke und durch ein Treppenhaus. Dabei hat er sich kurz verlaufen und den Rückweg nicht mehr gefunden. Nach ein paar Minuten kam er mit Tränchen zurück, sichtlich erleichtert, uns wiederzusehen. Wir konnten ihn zwar fast die ganze Zeit beobachten, aber er selbst hatte das Gefühl, alleine zu sein – und das war eine große Erfahrung für ihn.

Auch draußen lernt man in Thailand schnell, aufmerksam zu sein. Bürgersteige existieren oft nicht – und wenn es sie gibt, sind sie meistens schief, kaputt oder voller unerwarteter Stolperfallen. Eigentlich findet der Großteil des Gehens direkt auf der Straße statt, und das ist selbst für uns Erwachsene manchmal etwas mulmig. Die Kinder sind inzwischen Meister darin geworden, im „Entenmarsch“ zu laufen, dicht hintereinander, konzentriert um nicht zwischen die Autos oder Roller zu geraten. Auch das schult – und nicht zu wenig.

Wir staunen immer noch darüber, wie tapfer Leonie ist. Unsere häufigen 10-Kilometer-Wanderungen bei 30 Grad macht sie mit einer Mischung aus Durchhaltevermögen und Abenteuerlust. Ein richtiges Wandermädchen. Die sozialen Skills kommen dabei auch nicht zu kurz. Wenn eine Familie 24 Stunden miteinander unterwegs ist, gehört Streit einfach dazu – und die Versöhnung gleich danach auch. Das gehört ebenso zum Lernen dazu.

Ebenso das Telefonieren! Auch das ist eine kleine Kunst. Hier in Thailand haben Kilean und Leonie viele Gelegenheiten, mit Familie und Freunden zu sprechen. Kilean ist inzwischen richtig gut darin geworden, Fragen zu stellen und ein Gespräch am Laufen zu halten. Man merkt: Man wächst mit neuen Herausforderungen und das Leben hier ist voll davon.

6 Kommentare zu “Zuhause in Chiang Mai

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